Die Aktienkurse erreichen seit einigen Monaten immer neue Höchststände. Die US Konjunktur läuft auf Hochtouren, auch Europa scheint langsam aus der Krise herauszukommen. Die Industrie ist zuversichtlich und blickt optimistisch in die Zukunft. Auf den Finanzmärkten ist es ruhig, vielleicht ja auch, weil gerade weite Teile Europas in der Sommerpause sind. Es klingt ja alles fast zu gut, um wahr zu sein.

Schon fast ist die Finanzkrise, die vor ca. 9 Jahren begonnen hat, vergessen. Mit vergessen ist, dass damals die Kurse von Aktien und Anleihen in großer Korrelation deutlich in den Keller gerasselt sind. Viele Aktienportfolios haben damals 50% und mehr an Wert verloren. Gilt also „What goes up, must come down“ nicht mehr und hat die Geldschwemme der Notenbanken alles durcheinander gebracht bzw. neue Regeln geschrieben?

Zum Nachdenken und Innehalten hatte mich ein E-Mail-Wechsel mit einem meiner Leser und Weltportfolio-/Bitcoin-Investor Didi gebracht. Er stellte mir in einem E-Mail-Wechsel einige interessante Fragen. In diesem Beitrag möchte ich diese Fragen beantworten bzw. ein „Streitgespräch“ verschriftlichen. Viel Spaß beim Lesen!

Vorausgeschickt sei, dass ich davon überzeugt bin, dass Aktienmärkte als Marktplätze bei denen Angebot und Nachfrage den Preis für eine Transaktion setzen, nicht vollkommen perfekt sind. Es handelt sich zwar um einen sehr effektiven Preissetzungsmechanismus, doch sind sowohl Angebot als auch Nachfrage von zu tiefst menschlichen Emotionen beeinflusst, die eine völlig rationale Preisfindung ausschließen. Ja, ich kann also „behavioral finance“ durchaus etwas abgewinnen 😉 Genau diese menschlichen Emotionen können zu Übertreibungen wie Kaufrausch, Herdentrieb, Über-/Unterschätzung von Risiko, etc. führen. Bei all diesen Schwächen ist und bleibt die Börse aber dennoch ein effektiver Mechanismus um Transaktionen zu ermöglichen bzw. Liquidität sicherzustellen.

Für den Fall von Übertreibungen, wie sie bei lang ausgedehnten Hausse-Phasen auftreten, bietet der Markt allerdings auch Mechanismen, die eine Rückkehr zur fairen Bewertung wieder herstellen können. Investoren, die auf fallende Kurse setzen, also Shortselling betreiben, werden solche Übertreibungen ausnützen wollen. Diese bösen Hedge Funds tragen also paradoxerweise dazu bei, den Marktmechanismus nicht nur effektiv sondern auch effizienter zu machen – nämlich in dem Sinne, dass sich Kurse dem wahren, inneren Wert der Aktie annähern.

Soweit die Theorie…keiner weiß so ganz genau, was der faire, wahre, innere Wert einer Aktie ist. Es gibt unzählige Bewertungsmethoden, die das erreichen wollen: discounted cashflow, Multiple-Bewertungen, Dividenden-Modelle, etc. Typischerweise kommen diese Modelle bei der gleichen Aktien zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen und sind noch dazu hinsichtlich der Kernannahmen (Diskontierungs-Satz, Multiple, Dividendenwachstum) höchst sensitiv. Selbst wenn man diesen inneren Wert tatsächlich kennen würde, wäre es ungewiss, wie lange es dauert, bis eine Übertreibung im Markt durch korrigierende Kräfte wieder zurückgenommen wird. Das kann Tage, Wochen oder Monate dauern, wird vielleicht aber auch gar nicht passieren. So sieht zumindest aus meiner Sicht die Realität in der Praxis aus.

Genug der Vorrede, nun zu Didi’s konkreten Fragen. Er schreibt: „Es braut sich etwas zusammen, die Verschuldung ist 10x so hoch, wie 2008…hast Du schon mal einen Crash mitgemacht?“

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Nach gewissen Parametern mag tatsächlich derzeit eine Überbewertung vorliegen. Allein die all-time-high Kurse wichtiger Indizes sind dafür allerdings nicht ausschlaggebend. Bei Kursindizes wie dem Dow Jones Industrial Average sind nämlich Effekte aus der Inflation zu berücksichtigen. Wenn das letzte all-time-high schon einige Zeit zurück liegt, kann das deutlichen Einfluss haben. Performanceindizes, wie der DAX, die also auch Dividenden berücksichtigen, steigen im natürlichen Lauf der Dinge zudem auch wenn die Kurse flach bleiben und von den Aktionären Dividenden vereinnahmt werden. Andere Parameter, wie eine strukturelle Erhöhung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses des Gesamtmarktes sprechen dann aber schon eher dafür, dass Überbewertungen vorliegen. Diese Kennzahl sagt iW ja aus, wie oft der jährliche Gewinn derzeit bezahlt werden muss, um eine Aktie zu erwerben. Das zukünftige Gewinne deutlich wertvoller sind, als in der Vergangenheit kann sehr kritisch betrachtet werden.

Ich bin zwar nicht sicher, welche Verschuldung heute 10x so hoch ist, wie 2008. Wie die Sub-Prime-Mortgage-Krise bewiesen hat, kann ein hoher Verschuldungsgrad aber gerade in einer Rezession dramatische Folgen haben. Es werden Kreditportfolien in großem Umfang notleidend, was die entsprechenden Folgewirkungen für Banken bzw. Kapitalsammelstellen, die in diese Kreditportfolien investiert haben, nach sich zieht. Die seit 2008 deutlich angestiegene Verschuldung der Staaten könnte aus meiner Sicht ähnlich schlimme Folgen haben. Insbesondere kann der hohe Zinsdienst die Investitions- und Wachstumschancen eines Staates deutlich hemmen, wie zurzeit in Griechenland beobachtet werden kann. Gleichzeitig würde ich Verschuldungsquoten nicht als primären Maßstab für Überbewertungen an den Kapitalmärkten heranziehen.

Aber zum Kern von Didi‘s Frage: Ja, ich habe sogar schon zwei Crashes miterlebt. Gleichzeitig würde ich nicht von Crashes sprechen, sondern von signifikanten Kurskorrekturen. Diese waren in beiden Fällen nämlich nicht innerhalb eines Tages oder einer Woche erfolgt. Der erste Crash war das Platzen der New Economy Blase, der zweite die Finanzkrise 2008/09. Natürlich habe ich in beiden Situationen signifikante Einbußen hinnehmen müssen. V.a. aus dem Platzen der New Economy Blase habe ich deutliche Lehren gezogen. Insbesondere hatte ich damals Aktien gekauft, deren Substanz im Rückblick sehr fragwürdig war. Clicks statt Revenues, nachhaltige Verluste und gepushte IPOs, so lernte ich, sind eine die Parameter für ganz schlechte Investitionen! Auch machte ich den Fehler erratisch zu kaufen, nämlich in der Aufstiegsphase um dann, nach Fall der Papiere frustriert wieder zu verkaufen. Deutlich besser hielt ich mich schon während der Finanzkrise. Auch hier kam es natürlich zu Bremsspuren in meinem Portfolio. Doch änderte ich de facto nichts an meinen Investments (in Einzelaktien und Aktienfonds). Entsprechend konnte ich von der folgenden Werterholung bis heute profitieren.

Didi fragt mich weiter, wie ich mein Portfolio absichere. Spannende Frage!

Gegen Kursverluste sichere ich mein Portfolio gar nicht ab. Klar, könnte ich jetzt beginnen wie ein Wilder Optionen zu kaufen und mich gegen Kursverluste abzusichern. Das ist nicht so kompliziert und auch für einen Retail-Investor leicht machbar. Wenn ich Optionsscheine mit einer Laufzeit von einem Jahr kaufen würde und der Crash länger als ein Jahr auf sich warten ließe, dann wäre der Preis der Option verloren – aus meiner Sicht ein schlechtes Geschäft.

Ich halte eine Absicherung gegen Kursverluste auch für überhaupt nicht erforderlich und zwar gleich aus mehreren Gründen:

  • Langfristig und zwar sehr langfristig (10 Jahre +) gehe ich von steigenden Kursen aus. Es gibt Studien, die besagen, dass es keine 10-Jahres-Perioden gibt, in denen es zu nominellen Kursverlusten kam. Ja, die Vergangenheit ist ein schlechter Indikator für die Zukunft, allerdings hat mir in diesem Punkt noch niemand einen besseren Anhaltspunkt gegeben. Also im Fall des Crash einfach zuwarten, bis es wieder aufwärts geht. Gerade diese Strategie hat mir im Fall der Finanzkrise sehr geholfen und ließ mich am Kursanstieg der letzten Jahre voll mit partizipieren.
  • Die Frage ob und wann eine Kurskorrektur erfolgen wird, kann nicht vorhergesagt werden. Jegliche Vorhersage in diese Richtung halte ich für unseriös und gefährlich. Eine solche Absicherung gegen ein auf der Zeitachse ungewisses Event erscheint mir daher sinnwidrig.
  • Die Kosten der Absicherung werden langfristig meine Performance schmälern. Dies ist empirisch wunderbar nachvollziehbar, da diverse Garantieprodukte – gerade aus der Welt der Versicherungen – eine deutlich niedrigere Rendite erzielen. Der Garantiegeber will sich ja sein Risiko auch vergüten lassen…ich sollte richtigerweise überlegen, ob ich nicht langfristige Garantien ausspreche, um davon zu profitieren. Das macht z.B. Warren Buffet’s Berkshire Hathaway bereits heute…doch das ist eine andere Geschichte.

Wenngleich es sich nicht um eine Absicherung handelt, so nutzt das von mir betriebene Cost Averaging mit regelmäßigen Wertpapierkäufen doch die Volatilität der Kapitalmärkte. Ein Crash wird dazu führen, dass ich das gleiche Underlying zu einem niedrigeren Kurs kaufen kann, also mehr Anteile für’s selbe Geld kaufen kann. Das wird mich hoffentlich derart erfreuen, dass ich über den temporären Kursverlust des Gesamtportfolios ohne emotionalem Meltdown hinwegkomme 😉 Zum Cost Averaging habe ich bereits zwei ausführliche Artikel verfasst, auf die ich gerne verweisen möchte, ohne mich zu wiederholen – erstens zum Cost Averaging und zweitens zur Investition eines großen Geldbetrages.

Gegen Entnahmen bzw. Verkäufe auf Grund emotionaler Ausschläge habe ich leider noch keine 100% zuverlässige Absicherung gefunden. Zwar habe ich mein Kontomodell so aufgebaut, dass es eine Einbahnstraße von Konto/Tagesgeldkonto in Richtung Wertpapier-Depot gibt. Gleichzeitig steht es mir natürlich zu einem zukünftigen Punkt frei, Wertpapiere zu verkaufen und so meine passive Einkommensquelle zu beschädigen. Ich achte darauf, dass mein Wertpapierdepot (ca. 1/3 Einzelaktien, 2/3 Aktien-ETFs) regelmäßigen Cashflow abwerfen. So kann ich im Fall des Falles auf regelmäßige Zahlungen zurückgreifen, auch wenn ich diese Cashflows normalerweise einfach reinvestiere.

Schließlich fragt mich Didi, ob Gold oder Bitcoins eine Alternative zu den vermeintlich überbewerteten Aktien sind. Hier haben wir deutlich divergierende Meinungen!

Gleichzeitig fällt mir hier die Antwort leicht – NEIN! Sowohl bei Gold als auch bei Bitcoins handelt es sich um keine produktiven Investments. Unter einem produktiven Investment verstehe ich einen Vermögenswert, der auch Zinsen oder sonstige Erträge wie Dividenden erwirtschaftet. Wenn das nicht der Fall ist, beruht ein etwaiger Investitionserfolg ausschließlich auf Kursänderungen. Das heißt, dass der zukünftige Wert nicht durch produktive Tätigkeit sondern durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Aus meiner Sicht handelt es sich daher ausschließlich um Wetten, nicht aber um Investitionen. Auch wer „in USD investiert“ hofft ja nur auf eine positive Kursveränderung…

So genial ich die hinter Bitcoins liegende Technologie finde, so fragwürdig erscheinen mir damit einhergehende Investments. Ja, die Kursentwicklung mag sehr imposant sein…allerdings…“What goes up, must come down!“. Ja, Bitcoins können nicht neu geschaffen werden wie Papiergeld. Als ich aber jüngst von 100%-Renditen auf Investments in kurzfristige Bitcoin-Kredite las, gingen bei mir alle Alarmglocken an.

Bei diesen Übertreibungen und dem offenbar gehebeltem Kauf von Bitcoins wird es dann auch Didi zu heiß. Er lehnt „Spekulieren mit Hebel“ grundsätzlich ab – das finde ich gut so. Da Bitcoins allerdings nicht neu geschaffen werden können, sieht er darin eine tolle Alternative und ein höchst werthaltiges Investment, wie gesagt im Gegensatz zu Papiergeld. Er überlegt daher, eine neue passive Einkommensquelle durch ein Wikifolio auf Aktien und Bitcoins zu erschließen – spannende Idee, ich wünsche ihm viel Erfolg dabei!

Zusammenfassend möchte ich daher folgendes festhalten:

  • Der Crash mag bevorstehen oder auch nicht, ich weiß es einfach nicht
  • Genauso wenig weiß irgendjemand, wann eine Kurskorrektur eintreten wird
  • Eine Absicherung eine Aktienportfolios ist daher nicht sinnvoll und schadet der Rendite
  • Langfristig rechne ich mit steigenden bzw. sich nach einem Crash wieder erholenden Kursen
  • Durch Cost Averaging kann die Volatilität der Märkte zum eigenen Vorteil genutzt werden
  • Investments in Gold, Währungen und Bitcoins sind aus meiner Sicht keine Alternativen bzw. Absicherungen im derzeitigen Aktien-Marktumfeld – hierzu gibt es in der Tat sehr divergierende Meinungen, der Investmenterfolg wird das Urteil schreiben
  • Schließlich empfehle ich (Euch und mir selbst) für den Crash, wenn er dann kommt „Keep clam and keep going/stay invested/continue investing!“

Was meint ihr? Macht ihr Euch Sorgen, dass bald ein Crash kommt? Wie werdet ihr reagieren, wenn die Kurse in den Keller rasseln? Sichert ihr Euer Portfolio ab? Fragen über Fragen…freue mich auf Antworten in den Kommentaren 😉

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6 Gedanken zu “Der Crash kommt – kommt der Crash?

  1. Die vom Crash faseln, weil der DAX über 12.000 steht, sind dieselben, die vor Jahren ganz genau wussten, dass der DAX niemals über 8.000 Punkte steigt, und wenn, dann sofort crasht. Bullenmärkte sterben in Euphorie. Die haben wir bei den Bitcoins, aber noch nicht an den Aktienmärkten.

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      1. Nö, absolut zustimmend zu deinem Artikel. Selbst wenn ein Crash kommt (mittlerweile kennt man das ja), ist es irrelevant, wenn man langfristig investiert. Also länger als 25 Jahre ist langfristig. Unter zehn Jahren ist es kurzfristig.
        Übrigens las ich gestern, dass wir 2011 eine Zwanzig-Prozent-Korrektur hatten. Erinnre mich nicht mal daran.
        Ich bin auch viel zu faul, bei Korrekturen was zu verkaufen.
        Eben las ich bei Fool folgendes:
        Warren Buffett, Vorsitzender und CEO von Berkshire Hathaway (WKN:A0YJQ2) schrieb in seinem neuesten Brief an die Aktionäre in etwa:
        Alle zehn Jahre oder so verdunkeln Wolken den Himmel und dann regnet es für kurze Zeit Gold. Wenn so etwas passiert, dann ist es sehr wichtig, dass wir nach draußen gehen und Badewannen aufstellen, nicht Teelöffel. Das sollte reichen.

        Weiteres Zitat „27 der letzten drei Crashs wurden treffsicher vorhergesagt“. Dies Bonmot passt schön zu deinem Artikel.

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      2. Hi Stefan,
        Ehrlicherweise müssten wir ja auch mal definieren, wann überhaupt ein Crash vorliegt – las dieser Tage, dass durch EUR/USD-Kursentwicklung und Kursrutsch in Folge der Nordkorea-Thematik schon von einem Crash gesprochen wird – wow! Ich halte es wie Du bleibe bei meiner Strategie und lasse mich da nicht vom Weg abbringen.
        Das Bonmot von W. Buffet finde ich übrigens großartig 🙂
        Viele Grüße
        MFF

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  2. Vielen Dank für das nette Gespräch, Lukas!

    Wie gesagt, die Märkte werden nervös und unterm Strich sollte das Depot breit gestreut sein.
    Ob der Bitcoin die „Fluchtwährung“ ist oder doch „nur“ Zeitgeist wird sich zeigen und die Kombination mit einer Dividendenstrategie aus ETFs deckt beides ab, mMn.

    Wünsche Dir jedenfalls weiterhin viel Erfolg mit Deinem tollen Blog – er deckt die ganze Breite ab und ist kein Einheitsbrei – ich lese hier gerne mit 🙂

    GlG
    Didi

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    1. Hallo Didi,
      Das kann ich nur zurück geben – hat mir viel Spass gemacht! Danke auch für das positive Feedback zu meinem Blog 🙂
      Ich wünsche Dir mit Deiner Strategie mit Bitcoins und ETFs viel Erfolg – besonders natürlich mit dem Zertifikat! Würde mich über eine Rückmeldung in einigen Monaten freuen, wie das so läuft…
      Viele Grüße
      MFF

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