Aufmerksame Blog-Leser zu Personal Finance-Themen werden oft auf die Empfehlung stoßen in ein breit gestreutes, also diversifiziertes Portfolio, am besten in Form von ETFs zu setzen. So könnten die Risiken, die von einzelnen Aktien ausgehen, mitigiert und ein ausgewogenes Portfolio hergestellt werden. Das englische Sprichwort „Don’t put all eggs in one basket“ wird dabei häufig als (leider einzige) Begründung genannt. Aber kann Diversifikation auch Diworseifkation bedeuten? Gehen möglicherweise Chancen verloren? Ein Dilemma, denn wer möchte schon Chancen links liegen lassen! Dieses Dilemma versuche ich in diesem Artikel an Hand von fünf Leitfragen zu lösen.

Ich freue mich sehr, dass dieser Artikel auch auf Martin’s Blog zinskraft.de erscheint. So hoffe ich, dass der Beitrag sowohl Martin’s als auch meinen Lesern einen Mehrwert durch eine interessante Perspektive eröffnet! Doch nun viel Spaß beim Lesen.

Was bedeutet Diversifikation überhaupt?

Diversifikation ist eine (relativ simple) Strategie zur Risikostreuung bzw. Risikominimierung. Befragt man Wikipedia, so erfährt man: „Von Diversifikation wird […] gesprochen, wenn […] Vermögensbeträge nicht vollständig in eine Einzelanlage fließen, sondern auf unterschiedliche Anlageformen (z. B. Wertpapiergattungen wie Aktien, Anleihen, Investmentfonds usw.) sowie auf verschiedene Finanzdienstleister oder Wertpapier-Emittenten – möglicherweise mit Sitz in verschiedenen Ländern – verteilt werden. Hintergrund dieser verbreiteten Investmentstrategie ist eine Risikodiversifikation, d. h. die Vermeidung eines möglichen Totalverlustes durch gleichzeitiges Investieren von Teilbeträgen in alternative, unterschiedlich riskante Anlageformen, so dass das Gesamtvermögen in diverse Finanztitel gestreut wird. Der gewünschte Effekt der Risikoreduzierung wird dadurch bewirkt, dass zwei oder mehr Wertpapiere, die untereinander eine niedrige Korrelation aufweisen, miteinander in einem Portfolio kombiniert werden. Die so gewonnene Vermögensstruktur hat insgesamt ein geringeres Risiko als die jeweiligen Einzelpapiere. Voraussetzung für diesen Effekt ist, dass die zugrundeliegenden Wertpapiere nicht 100% positiv korreliert sind; sie besitzen zueinander einen Korrelationskoeffizienten, welcher kleiner als 1 ist.“

Diversifikation begegnet allen möglichen Arten von Risiko, die z. B. der Besitz einer Aktie mit sich bringt, beispielhaft seien genannt:

  • Kursänderungsrisiko – die u.U. deutlichen Kursänderungen einzelner Aktien können durch Diversifikation gemindert werden. Aktien schwanken, möglicherweise sehr stark. Alle Arten von Neuigkeiten können sich hier niederschlagen, von makroökonomischen Daten über die Veröffentlichung von Finanzinformationen bis hin zu Gerüchten und marktpsychologischen Effekten ist alles denkbar. Diese Volatilität der Einzelaktie kann wunderbar durch Diversifikation beseitigt werden. Gleichzeitig verbleibt natürlich die Volatilität des Gesamtmarktes Diese Risikoart werde ich gleich in einem plakativen Beispiel in der nächsten Leitfrage aufgreifen, mehr sogleich.
  • Konkursrisiko – der GAU für den Aktieninvestor ist der Konkurs des Unternehmens. Die Gläubiger des Unternehmens werden in diesem Fall in strikter Reihenfolge behandelt: Besicherte Gläubiger zuerst, dann nicht besicherte Gläubiger und erst wenn die Fremdkapital-Haftungskaskade vollständig bedient ist, würden theoretisch Eigenkapitalinvestoren zum Zug kommen. Wenn ein Überschuldungsfall vorliegt, ist dies ausgeschlossen und führt dazu, dass die Forderung des Aktionärs abzuschreiben ist bzw. wertlos ist. Auch dieses Risiko wird in einem diversifizierten Portfolio nur mit dem Gewicht der einzelnen Aktie schlagend.

Gleichzeitig kann Diversifikation nicht jedes überhaupt bestehende Risiko beseitigen. Ein gut diversifiziertes Portfolio erlaubt nämlich nur das sog. idiosynkratische Risiko, also das Risiko, das von einzelnen Wertpapieren ausgeht, zu eliminieren. Ein solches perfekt diversifiziertes Portfolio weist im Ergebnis die Charakteristika des Gesamtmarktes auf und behält dabei auch gleichzeitig das Risiko des Gesamtmarktes. Dieses Risiko des Gesamtmarktes, auch Marktrisiko oder auch systematisches Risiko genannt, verbleibt also jedenfalls auch bei erfolgreicher Diversifikation. Mehr dazu auf Investorpedia.

Welche Auswirkungen hat nun Diversifikation konkret und welche nicht?

Soweit klingt das ja sehr gut: Durch Diversifikation wird also das Risiko einer Einzelaktie quasi ausgeschalten – not bad! Das Risiko eines Ausreißers im Portfolio fällt also nicht mehr wirklich ins Gewicht. Dies sei an Hand eines einfachen und fiktiven Beispiels zum Kursänderungsrisiko demonstriert:

  • Wir gehen von einem Portfolio von 5 Aktien aus
  • Von jeder Aktie werden Stücke im Wert von €1.000 gekauft, in Summe also €5.000
  • Nach einem Jahr schlägt sich die Performance (der Einfachheit halber gehe ich vom TSR – dem Total Shareholder Return, also Kurserfolg plus Dividenden) der einzelnen Aktien wie folgt zu Buche:
    • Aktie A – ein langweiliger, solider Versorger den die Energiewende völlig kalt lässt – plus 2%
    • Aktie B – ein gehyptes Technologieunternehmen – plus 75%
    • Aktie C – ein von einem Korruptions-Skandal geplagtes Industrieunternehmen – minus 7%
    • Aktie D – ein von der guten Konjunktur profitierendes Konsumgüterunternehmen – plus 27%
    • Aktie E – ein vormals gehyptes Technologieunternehmen, das kurz vor der Pleite steht – minus 36%
  • Das gesamte Portfolio erzielt auf Jahressicht einen TSR von +12%, es sind also aus €5,000 innerhalb eines Jahres €5,600 geworden. Die doch starken Kurs-Ausschläge der Einzelaktien wurden insofern geglättet.

Wenn wir davon ausgehen, dass dieses einfache Portfolio aus 5 Aktien ein annähernd repräsentatives Bild des Gesamtmarktes darstellt, können wir auch festhalten, dass damit allerdings nicht das systematische Marktrisiko ausgeschaltet wurde. Der Gesamtmarkt wird sich also wohl in diesem Jahr annähernd wie unser Portfolio verhalten haben. Wäre der Markt allerdings insgesamt nach unten gerasselt, hätte unsere Diversifikationsstrategie gegen das Risiko des Kursverlustes auch tatsächlich nicht geholfen.

Gehen durch Diversifikation tatsächlich Chancen verloren?

Ja!

Das ist die einzig richtige Antwort, denn durch den beschriebenen Effekt der Diversifikation wird nicht nur das Risiko des Kursverlustes, sondern auch die Chance des über dem Markt liegenden Erfolgs beseitigt. Wenn wir auf das o.g. Beispiel nochmals zurückgreifen, wird dies sehr rasch klar: Denn auch die herausragende Performance von Aktie B, dem gehypten Technologieunternehmen mit +75% TSR, geht im Gesamtportfolio auf.

Dies ist aus meiner Sicht aber ganz gut verkraftbar – warum, wird die nächste Leitfrage erläutern!

Warum ist ein diversifiziertes Portfolio der einzig richtige Weg?

Diese Leitfrage mag nun überraschen, da ja Chancen verloren gehen und letztlich „nur“ die Marktrendite übrig bleibt. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass ein diversifiziertes Portfolio der einzig richtige Weg ist.

Knackpunkt ist nämlich, dass nichts und niemand mit Sicherheit sagen kann, welche Aktie der „Winner“ und welche der „Loser“ sein wird. Mit anderen Worten, das nachhaltige und treffsichere Auswählen der „Winner-Aktien“ ist nicht möglich. Durch das Halten eines diversifizierten Portfolios wird daher das Risiko der einzelnen Aktie beseitigt und es verbleibt „nur“ noch das Marktrisiko. Diversifikation beseitigt damit auch das Risiko der Auswahl der „Loser-Aktien“ bei gleichzeitigem Zufriedensein mit der Marktperformance.

Wem das noch nicht genug ist, der kann auch noch in der Verhaltenspsychologie Zuflucht suchen: Es ist nämlich anerkannt, dass Verluste für uns emotional deutlich schwerer wiegen als Gewinne. Wir suchen daher primär die Minimierung von Verlustrisiken und nehmen das Auslassen von Gewinnchancen im Vergleich ganz locker. Daher sollte der risikomindernde Effekt der Diversifikation für ruhigen Schlaf sorgen!

Was bedeutet dieses Plädoyer für die Diversifikation für Deine Investment-Strategie?

Wie bei der Beantwortung der vorherigen Leitfragen ausgeführt, ist Diversifikation in der Tat der richtige Weg zu einer optimierten und nachhaltigen Investitionsstrategie. Wenn wir nun von zwei archetypisch Investment-Strategien in Aktien ausgehen, hat dies folgende Implikationen:

Strategie 1 – Direktinvestment in Einzelaktien – Gerade bei dieser Strategie ist Diversifikation besonders angesagt, da die Risiken aus einer einzelnen Aktie abgefedert werden müssen. Gemeinhin wird daher das Investment in 8 bis 10 Einzelaktien empfohlen, manchmal auch mehr. Fix ist, dass durch die Kombination von schwach oder gar negativ korrelierten Aktien sehr rasch große Schritte in Sachen Diversifikation gemacht werden können. Ab einer gewissen Aktienzahl wird es zu einer abflachenden Wirkung durch das Hinzufügen weiterer Aktien kommen.

Strategie 2 – Investment per ETF – Hier ist die Diversifikation innerhalb des ausgewählten Investmentuniversums bereits vollständig hergestellt. Der ETF bildet den zu Grunde liegenden Index ab und repräsentiert insofern den Markt. Damit ist jegliches Risiko eines Einzeltitels bereits maximal abgefedert. Insofern ist in Sachen Diversifikation nichts mehr zu tun!

Strategie 3 – Kombination aus Strategie 1 und 2 – Bonus auf Anregung von Martin von zinskraft.de – Diese Strategie kann zwei Vorteile aufweisen, und zwar: i) der MSCI World ist sehr start von Aktien aus der Finanzbranche geprägt, das lässt sich durch Einzelaktien z.B. aus dem Konsumgüterbereich ausgleichen. Genauso können Emerging Markets über einen ETF abgedeckt werden und Einzelaktien aus Europa und den USA den Rest der Welt abdecken. ii) Ab einer bestimmten Investmenthöhe verlieren ETFs immer mehr an Attraktivität, da die laufenden Kosten gegenüber dem Einzelinvestment in Aktien. So kann es Sinn machen, ein schon gut diversifiziertes Einzel-Aktien-Portfolio aufzubauen.

Ich hoffe, dass der Artikel eine spannende Lektüre war und einige grundlegende Fragestellungen bzgl. Diversifikation klären konnte. Ich bedanke mich auch herzlich bei Martin von zinskraft.de, der diesen Artikel auch auf seinem Blog veröffentlicht und ihm so zu einer breiteren Leserschaft verhilft. Ich freue mich sehr über Kommentare, Anregungen und weiterführende Gedanken!

Zuletzt noch ein Hinweis in eigener Sache: Du erreichst meinefinanziellefreiheit künftig auch auf Facebook – hier ist der Link zur Facebook-Page!  

 

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3 Gedanken zu “Diversifikation – Warum alle Eier in einem Körbchen nicht sinnvoll sind

  1. Also wenn man investieren will,dann immer in verschiedenen Portfolios und verschieden verteilt. Dadurch kann man viele Verluste abfedern, wenn man bei einer Investion Miese macht und bei einer anderen einen starken Gewinn. Wenn ich alles in einer Aktie oder einem Portfolio habe, dann kann ich mehr verlieren, oder täusche ich mich

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    1. Hallo Stephan,
      Ja, genau – durch die Kombination mehrere Aktien kannst Du das Risiko einer einzelnen Aktie abfedern.
      Wenn Du aber von einem Portfolio sprichst, bin ich nicht sicher, was Du meinst. Ein Portfolio sollte ja per se schon diversifiziert sein. Insofern weiss ich nicht, warum Du auf mehrere Portfolien verteilen willst. Das schafft im Zweifel sogar Intransparenz bzw. höhere Kosten.
      Viele Grüße
      MFF

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