Kreditarten sind Teufelszeug! Wer finanzielle Freiheit anstrebt, sollte sie meiden wie der Teufel das Weihwasser. Um die Nutzung für Impulskäufe gänzlich zu auszuschließen, eignet sich dann doch am besten das physische Einfrieren im Weihwasser. So oder so ähnlich klingt die Tonalität auf so manchem personal finance Blog. Ich nehme hier eine durchaus gegensätzliche Meinung ein, denn Kreditkarten können bei richtiger Verwendung ein nützliches und praktisches Zahlungsmittel sein.

Ein wesentlicher Unterschied in der Einschätzung von Kreditkarten ergibt sich mMn aus den unterschiedlichen Produkteigenschaften in den USA und in Europa. Denn nur Kreditkarten in den USA verdienen diesen Namen auch! Eine gewährte Kreditlinie kann in den USA vom Inhaber ausgenutzt werden, während eine sofortige Rückzahlung nicht erforderlich ist, sondern nur eine niedrige Mindestzahlung zu leisten ist. Es wird so tatsächlich unbesichert Kredit über einen potenziell sehr langen Zeitraum gewährt. Darüber hinaus liegt es im Ermessen des Inhabers den aushaftenden Saldo am Monatsende zu tilgen oder eben die Kreditlinie weiter zu beanspruchen. Amerikanische Kreditkarten übernehmen daher weitgehend die Rolle, die in Deutschland der Dispokredit bzw. in Österreich der Überziehungsrahmen erfüllt. Die schönen Verdienstmöglichkeiten der Finanzdienstleister mit Amerikanischen Kreditkarten über die auskömmlichen Kreditzinsen bewirken auch, dass die Kreditkarten in den USA meist gratis sind und zum Teil mit großzügigen Bonusprogrammen ausgestattet sind.

Europäische Kreditkarten unterscheiden sich deutlich, da sie zum Monatsende – meist automatisch durch Lastschrift zur Gänze getilgt werden. Die Kreditgewährung erfolgt daher nicht für einen längeren Zeitraum, sondern nur bis zum Monatsende. Es handelt sich daher in der US amerikanischen Diktion auch nur um Charge Cards und nicht um Credit Cards! Eine Nutzung der Europäischen Kreditkarte für Konsumschulden, die de facto über lange Zeiträume nicht zurückbezahlt werden, kommt daher nicht vor; es kommt vielmehr zur monatlichen Tilgung. Mangels Verdienstmöglichkeit durch die tollen Kreditzinsen sind Europäische Kreditkarten meist mit zusätzlichen, jährlichen Gebühren belastet, Bonusprogramme fehlen meist.

Doch auch Europäische Kreditkarten sind nicht vor „Produktinnovation“ gefeit! In Folge der Beschränkung von Interchange Fees in Europa – hier geht es zu weiterführenden Informationen werden auch hierzulande andere Einnahmequellen erkundet. Ein Beispiel kann die Advanzia bzw. free.at Kreditkarte genannt werden, die zwar gänzlich gebührenfrei ist, doch auf die Nachlässigkeit der Inhaber vertraut, dass entweder auf die aktive Zahlung des Saldo vergessen wird (ein Lastschriftauftrag ist nicht möglich) oder auch der Kreditrahmen ganz nach Amerikanischem Vorbild über einen längeren Zeitraum hinweg verwendet wird. Andererseits experimentiert Mastercard mit dem Bonusprogramm „Mastercard Priceless“ offenbar in der Hoffnung auf höhere Kundenbindung – doch zeigt der Geiz des Programms bereits, dass im Vergleich zu den Amerikanischen Programmen mit zT 1% Cashback auf sämtliche Zahlungen in Europa nicht so toll Geld zu verdienen ist.

Zusammengefasst kann also gesagt werden, dass die Europäischen Kreditkarten nach traditionellen Model wirklich nicht den Charakter des Teufelszeugs haben, der ihnen auf Grund der Features ihrer Amerikanischen Geschwister zugeschrieben wird. Alles gut also?

 Dass ich grundsätzlich ein großer Freund des bargeldlosen Bezahlens bin, ist spätestens seit meinem schon im September 2016 erschienen Artikel klar. Dort hatte ich mich ausführlich mit sämtlichen Argumente für und wider Bargeld bzw. bargeldlosem Zahlungsverkehr auseinandergesetzt.

Ein wesentlicher Kritikfaktor an der Kreditkarte, zuweilen am bargeldlosen Zahlen überhaupt, ist, dass der „Konsumwahnsinn auf Pump“ gefördert werde. So wird argumentiert, dass die Möglichkeit des unkontrollierten Tätigens von Konsumausgaben durch Kreditkarten begünstigt wird. Ich teile die Sorge in Richtung Konsumwahnsinn durchaus – es wird in der Tat zu viel Krempel gekauft! Doch frage ich mich, ob der Konsumwahnsinn tatsächlich durch Kreditkarten verursacht oder begünstigt wird. Denn der Konsumwahnsinn kann auch so stattfinden! Impulskäufe können auch mit Bargeld getätigt werden. Dagegen können viel besser Strategien, die zur Reflexion anregen, helfen, z.B. immer bis zum nächsten Tag mit der Kaufentscheidung warten. Die Dauer des Auftauens der eingefrorenen Kreditkarte könnte da zu kurz sein. Auch könnte man ja überhaupt den Besuch des Einkaufszentrums vermeiden, frei nach dem Motto: Darum führe mich nicht in Versuchung! Es gibt in der Tat ja auch bessere Freizeitbeschäftigungen.

Somit verbleibt auf der Positivseite eine Reihe von Vorteilen von Kreditkarten, die nicht zu leugnen sind:

  • Convenience also Bequemlichkeit ist und bleibt aus meiner Sicht das dominante Argument für die Nutzung der Kreditkarte! Viele Bezahlvorgänge – man denke an alle eCommerce-Transaktionen – werden so sicher (durch entsprechende Vorkehrungen des Anbieters) und einfach durchgeführt, oft auch schneller als mit Bargeld.
  • Kreditkarten erlauben dem Nutzer eine Vorfinanzierung der Ausgaben und schaffen einen sog. Float! Wenn man regelmäßige Ausgaben und eine monatliche Rückzahlung annimmt, so kann der Durchschnitt des Saldos als vorfinanzierter Float gewertet werden. Oft kommt es auch zu einer zusätzlichen Verzögerung in der Abbuchung – werbewirksam auch oft als „bis zu sechs Wochen verzögerte Zahlung“ beschrieben. Auf diesen Float kann natürlich eine alternative Verzinsung erzielt werden.
  • Kreditkarten erlauben durch die Übersicht im Rahmen der Monatsabrechnung eine sinnvolle und aggregierte Kontrolle über die Ausgaben. Das Argument, dass man beim Zahlen mit Kreditkarte den Überblick über seine Ausgaben verliere, kann ich nicht daher wirklich nachvollziehen.
  • Viele Kreditkarten kommen mit nützlichen Zusatzleistungen, insb. die Reiseversicherung sei hier als löbliches Beispiel genannt. Natürlich soll das Erfordernis der Bezahlung der Reise zur Auslösung des Versicherungsschutzes die Nutzung der Karte fördern, so gelingt es doch ein sehr sinnvolles Feature für sich zu beanspruchen. Ich hatte persönlich bereits mehrere Versicherungsfälle (Verspätung, verlorenes Gepäck,…) bei denen die Versicherung der Kreditkarte eingesprungen ist.
  • Schließlich noch ein Argument im Sinne des Gemeinwohls: Kreditkarten tragen zur Steuerwahrheit bei. Durch die Durchleitung der Zahlung über das Konto des Restaurants, Händlers, etc. ist es de facto ausgeschlossen, dass die Zahlung von Umsatzsteuer und Gewinnsteuern oder auch Sozialversicherungsabgaben hinterzogen wird. Dies ist bei Bargeld doch bedeutend einfacher 😉

Damit will ich in Summe nicht sagen, dass auch hierzulande von Kreditkarten eine potenzielle Gefahr für jeden einzelnen entstehen kann. Diese Gefahr geht mE allerdings auch von einem Dispo-Kredit/Überziehungsrahmen aus. Es kommt immer auf die Art der Verwendung an, ehrlicherweise gilt dies ja auch für Bargeld 😉 Um die Gefahren von Kreditkarten unmittelbar handhabbar zu machen, bieten sich folgende „Sicherheitsvorkehrungen“ an, die eigentlich ganz intuitiv sein sollten:

  • Kreditkarten immer und zur Gänze am Monatsende abbezahlen, am besten über einen Einziehungsauftrag, dass auch nicht darauf vergessen werden kann. So kommt es gar nicht zur Situation, dass die Kreditkarte als Konsumkredit verwendet wird.
  • Die Monatsabrechnung unbedingt kontrollieren! Das mag jetzt sehr spießig klingen, doch sind mir schon die interessantesten Dinge widerfahren, die Sinn und Zweck der Übung offenlegen. So wurde mir z.B. schon einige Male etwas zu Unrecht abgebucht bzw. doppelt gebucht. In diesem Fall hilft ein schriftlicher Widerspruch gegen die Abrechnung. In meiner Erfahrung wurde das vom Bankinstitut meist sehr kulant gehandhabt. Das Prüfen der Monatsabrechnung hat aber bei mir auch schon einmal ergeben, dass einige Zahlungen nie abgebucht wurden. Kaum zu glauben, aber wahr!
  • Schließlich rate ich dringend von Premium-Kreditkarten ab. Bloß weil es sich um die silberne, goldene, platinfarbene oder gar schwarze Karte handelt, sind die zusätzlichen Features noch lange nicht nützlich. Ich bin stets bei der Basisvariante geblieben und damit bisher sehr gut gefahren.

Was ist Eure Erfahrung mit Kreditkarten? Verteufelt ihr sie oder geht ihr mit dem vermeintlichen Teufelszeug entsprechend um? Habt ihr gar noch andere Tipps, als die im Artikel angeführten? Neugierig wäre ich natürlich auch, ob jemand von Euch schon mal seine Kreditkarte eingefroren hat!

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6 Gedanken zu “Kreditkarten: Das Teufelszeug sinnvoll nutzen!

  1. Ich bin ebenfalls Fan vom bargeldlosen Bezahlen. Und gerade auf meiner jetzigen „Weltreise“ würde ich mich ohne Kreditkarte glaube ich ziemlich schwer tun. Also ich halte Kreditkarten für kein Teufelszeug. Geht halt, wie bei fast allen Dingen, mal wieder um die Benutzung. Ich kann mit einem Messer jemanden umbringen oder mir ein Brot streichen…

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  2. Seltsam, dass dir in Deutschland noch nie das Angebot einer echten Kreditkarte über den Weg gelaufen ist. Die Art der Rückzahlung nennt man „Revolving“. So eine hatte ich schon vor mehr als 20 Jahren. Man kann bei dieser Ausgestaltung der Kreditkarte wählen, wie viel Prozent der in Anspruch genommenen Kreditsumme man jeden Monat zurückzahlen will. Das Minimum sind 5%, dann gibt es ein paar Stufen, die man wählen kann, Maximum 100%. Mit 100% zahlt man keine Zinsen, genauso wie bei der Sorte Kreditkarten, die du in deinem Artikel beschreibst.
    Guck z. B. hier nach den „echten“ Kreditkarten: http://www.kreditkarten.net/kreditkarten-vergleich/revolving-kreditkarten-mit-echtem-kreditrahmen.html

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    1. Hallo Karin,
      Danke für Deinen Kommentar – klar kenne ich diese Angebote, doch sind sie nicht das in Deutschland/Österreich gängige Modell.
      Das im Artikel zu den amerikanischen Kreditkarten gesagte gilt für die Revolving Kreditkarten analog – mein Tipp ist und bleibt: Hände weg von der Revolving Funktion, vielmehr die sonstigen Funktionalitäten von Kreditkarten sinnvoll nutzen!
      Viele Grüße
      MFF

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