Es ist wohl ein Kontinentaleuropäisches Phänomen, dass man nicht gerne über Geld spricht. Weder mit Kollegen auf der Arbeit, noch mit Freunden oder der Familie ist der Austausch über Einkommen, Vermögen oder Kosten von Eigenheim/Urlaub angebracht. Das Gesellschaftsideal der Gleichheit ist offenbar in Europa so weit gediehen, dass man über materielle Ungleichheit erst gar nicht sprechen möchte. Was sind die Gründe dafür? Ist das gut so? Damit beschäftigt sich der heutige Artikel – viel Spaß beim Lesen!

Der ewige Amerika-Vergleich

Natürlich drängt sich der Vergleich mit den USA auf. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es für den in Europa aufgewachsenen und sozialisierten Menschen befremdlich ist, beim Small-Talk gefragt zu werden, wieviel man im Monat verdient. Ausschlaggebend ist in meinen Augen aber nicht die Frage sondern die Reaktion auf die Antwort! Gehen wir davon aus, dass die Frage eine Antwort à la €10.000 brutto pro Monat hervorruft. Die Europäische Reaktion wären wohl Neidgefühle bzw. der Hintergedanke, dass der Gesprächspartner wohl doch in krumme Geschäfte verwickelt sein muss. Die Amerikanische Reaktion wäre ein frohlockendes Wow! und die Nachfrage, was der Gesprächspartner denn so erfolgreich macht. Der Hintergedanke wäre, dass man das auch schaffen könne, wenn man es nur geschickt anstellt. Zudem würde man den Gesprächspartner als erfolgreichen Glückspilz ansehen. Natürlich ist diese Situation stark zugespitzt, doch zeigt sie die gesellschaftlichen Unterschiede sehr deutlich.

Warum aber ist das Gespräch über Geld in Europa Tabu? Sind doch alle Apsekte des Themas Geld umfasst: Einkommen und Vermögen sind jedenfalls die nicht vorgesehene Gesprächsthemen, das absolute No-Go! Auch die Kosten von Haus & Einrichtung fallen noch in einen wenig gewünschten Bereich, einige Ausnahmem stellen vielleicht dann noch das Thema Auto oder die Kosten des neuen Grillers dar. Aus meiner Sicht gibt es drei Gründe, warum diese Verschwiegenheit so weit verbreitet ist.

Grund 1 – Die Angst vor Neid

Wie im illustrativen Beispiel beim Small Talk zuvor beschrieben, sind Neidgefühle weit verbreitet. Am besten wäre es doch, wenn alle gleich viel hätten, dann gäbe es keine Diskussion über Ungleichheiten und Neidgefühle – möchte man meinen! Das Auftreten von Neidgefühlen kann leicht umschifft werden, indem die Diskussion über Ungleichheit gänzlich vermieden wird. Gleichzeitig finde ich dies höchst scheinheilig: Große Gleichheit in der Gesellschaft mag ein schönes Ideal sein, doch handelt es sich um eine völlige sozialromantische Illusion! Allein auf Grund unserer angeborenen Fähigkeiten und Talente sind wir schon sehr unterschiedlich. Diese Ungleichheit hat sogar großen gesellschaftlichen Wert. Dass diese inhärente und positive Ungleichheit von Geburt an bekämpft wird, ist traurig. Entwicklungskurven für Babies, Bildungsstandards in der Schule, progressive Besteuerung und so fort arbeiten dann alle in Richtung Durchschnitt. Es überrascht daher wenig, dass die Abweichung vom Durchschnitt daher Neid und Missgunst sät, gerade wenn es um Finanzielles geht.

Besonders auffällig ist dabei, dass gerade jene Personen nicht über Geld sprechen, die finanziell besonders erfolgreich sind. Es zeigt sich also, dass der Neideffekt mit steigendem Vermögen ansteigt und der Diskurs über Geld immer stärker vermieden wird.

Die Angst vor Neid könnte aber eigentlich ganz gut bekämpft werden. Einerseits durch das positive Betonen von Unterschiedlichkeit – Diversität! – und ihrem gesellschaftlichem Wert. Andererseits vielleicht auch durch den zugegeben hämischen Hintergedanken, dass man sich Neid erst verdienen muss, wo man doch Beifall erkaufen kann 😉

Grund 2 – Der Glaube, dass Geld den Charakter verdirbt

Tja, hier wird es schon komplexer. Die Kontinentaleuropäische Gesellschaft ist deutlich von der Verklärung von Armut/Mittellosigkeit und der Ablehnung von Reichtum geprägt. Dies mag in christlichen Idealen und Wertvorstellungen verwurzelt sein, die oft Einfachheit und Mittellosigkeit positiv aufladen. Dies mag aber auch an der Ablehnung und der leicht bespielbaren Feindseligkeit gegenüber den „reichen Säcken“ erfolgen. Der Glaube, dass Geld den Charakter verdirbt ist ja entsprechend weit verbreitet. Die reichen Säcke würden ihr Vermögen nicht bereitwillig mit den Vermögenslosen teilen, etc. Auch hier sind wieder Parallelen mit christlichen Wertvorstellungen deutlich erkennbar.

In der Tat belegen auch wissenschaftliche Studien, dass mehr Geld geiziger und gieriger macht. Und das sogar schon im Kindesalter. Also Beweis genug, dass dieser Grund durchaus stichhaltig ist. Wer will beim Small Talk schon geizig und gierig rüber kommen?

Was kann dagegen getan werden? Ich denke, dass positive Rollenmodelle sehr reicher Menschen hier nur bedingt helfen. Die Stiftung der Kunst-Sammlung bzw. das Sponsoring einer Universität durch den Milliardär sind zu wenig greifbar. Es ginge mehr darum, dass breitere, wohlhabende Schichten sich eben als nicht geizig und nicht gierig zeigen. Die Teilnahme an karitativen Tätigkeiten und großzügige Spenden sollten da fix mit dabei sein.

Grund 3 – Die Reaktion auf die gesellschaftliche Konvention

Der Mensch ist bekanntlich ein schlaues Lebewesen, das auf Umweltfaktoren durch Nutzung seines Verstands rasch reagieren kann, darum wird er ja auch homo sapiens genannt. Er reagiert daher auf die gesellschaftliche Konvention, dass Reichtum nicht positiv besetzt ist und verheimlicht ihn. Ganz einfach also. Komplexer bzw. fast um die Ecke gedacht heißt das auch, dass derjenige, der reich wirken will, zwingend nicht über Geld sprechen sollte. So signalisiert er, entsprechend der gesellschaftlichen Konvention, dass er in Wahrheit eine Menge Asche hat. All das natürlich unter der Annahme, dass freizügiger über Geld gesprochen wird, wenn keines vorhanden ist.

Umso leichter ist also erklärbar, dass Menschen, die finanzielle Freiheit suchen oder schon erreicht haben, wohl meist unauffällig und zurückgezogen sind. Diese als Randgruppe zurückgezogene Elite bevorzugt es also, sich zurückzuhalten. Das ist gesellschaftlich einfacher und konfliktfreier. Auch ist so nachvollziehbar, dass Blogs ein wunderbares Medium zum Austausch sind, ist doch auch anonymes Bloggen weit verbreitet. So kann man sich ja dann doch (inklusive Vermögensangaben) zu relevanten Themen austauschen 😉

Die Bekämpfung dieses Grundes fällt wohl am schwersten, setzt sie doch einen gesellschaftlichen Wandel voraus. Ich denke, dass jeder im Einzelnen noch immer die Möglichkeit hat, einen Unterschied zu machen: Nämlich gesellschaftliche Konventionen nicht religiös zu befolgen, sondern situationsbezogen seine Meinung kundzutun. Und vielleicht will man ja durch sein Schweigen beim Thema Geld nicht erst recht signalisieren, dass man ein reicher Sack ist.

Fazit

Nun, dieser Artikel soll kein Pamphlet für Geldgespräche werden. Ich fände einen offeneren, unverkrampften Dialog über Geld dennoch sehr sinnvoll. Da das in Europa vorzufindende Finanzwissen bekanntlich unzureichend ist, könnte Mund-zu-Mund-Propaganda durchaus helfen! Auch wenn ich dies für wünschenswert halte, ist es letztlich aber jedermanns eigene Entscheidung, wie er bei diesem Thema vorgehen möchte. Dabei gebe ich zu bedenken, dass man über einen so wichtigen Lebensbereich wie die persönlichen Finanzen zumindest so viel reden sollte, wie über die neue Bohrmaschine. Mir geht es letztlich darum, dass sinnvoll und positiv über Themen wie Sparen und Geldanlage diskutiert werden kann.

Wie seht Ihr das? Seht Ihr weitere Gründe, warum nicht über Geld gesprochen wird und was dagegen getan werden sollte? Oder ist es für Euch schon ok, wie es in Kontinentaleuropa so Usus ist? Freue mich auf Eure Meinungen!

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Ein Gedanke zu “Über Geld spricht man nicht – drei Gründe, warum das so ist

  1. Wann hat man eigentlich „Geld“? = Angenommen, ich habe einige Millionen Euro auf dem Konto. Die sieht niemand (außer dem Kontoführer der Bank). Nun kaufe ich mir von dem Geld ein tolles Haus plus Einrichtung. Alles vom Feinsten. Jetzt sieht jeder meinen Reichtum (so ein Haus ist ja von weitem sichtbar; das muss ich Niemandem unter die Nase halten).
    Aber welchen Sinn hätte es gemacht, den Leuten meinen Kontoauszug mit den Millionen zu zeigen – also das „nackte Geld“? Dann hätte doch jeder zu mir gesagt: „Wieso kaufst du dir kein Haus?“

    Also, ich meine „Über Geld reden“, was heißt das? Es ist einfach irgendwie zu ABSTRAKT. Das ist wohl auch der Grund, warum arme Menschen eher darüber reden: Weil die ganz KONKRET sagen können, woran es ihnen mangelt.

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