Warum um alles in der Welt ein Artikel über die ersten Schritte als Investor? Ganz einfach, die Weihnachtsferien boten mir, wie hoffentlich vielen von Euch auch, genug Gelegenheit zum Austausch mit Freunden und Bekannten. Dabei kam in meinem Umfeld das Gespräch auch schon mal Finanzen. Mich überraschte erneut, dass an sich gut gebildete Menschen große Scheu davor haben, die ersten Schritte als Investor zu tätigen. Den letzten Anstoß für diesen Artikel hat dann aber einer meiner Leser gegeben, der anonym bleiben möchte. In diesem Sinn folgt nun eine Gehilfe für die ersten Schritte als Investor!

Ich habe diese Gehhilfe entlang von sechs Schritten strukturiert, sodass sich angehende Investoren wirklich Schritt für Schritt vorarbeiten können. Es handelt sich quasi um meine eigene Version von „Investing in ETFs for Dummies“ Dabei habe ich mich bemüht, die Schritte ausführlich und intuitiv verständlich zu gestalten. Sollte es dennoch Unklarheiten oder Rückfragen geben, bitte ich um Rückmeldung über die Kommentarfunktion – gerne werde ich den Artikel dann auch noch weiter ausgestalten oder konkretisieren. Stammleser und Fortgeschrittene mögen denken, dass es keine Neuigkeiten in diesem Artikel gibt, aber vielleicht ist doch ein interessanter neuer Aspekt dabei! Also dann:

Schritt 1: Bist Du bereit zu investieren?

In der Stimmung Investor zu werden bist Du ja offensichtlich und damit insofern bereit – zumindest wenn Du diesen Artikel bewusst angesteuert hast. Sind aber auch Deinen Finanzen bereit, mit Investitionen zu beginnen? Im ersten Schritt würde ich hier nämlich gern zwei Vorbemerkungen machen wollen.

Erstens, bevor Du nicht Deinen Notfallfonds aufgebaut hast, solltest Du noch nicht ans Investieren denken. Zur Wiederholung: Ich empfehle das Dreifache der monatlichen, laufenden Kosten als Bargeld/sofort verfügbares Festgeld breit zu haben. Dies nicht nur, weil ich der Arbeitslosenversicherung bzw. Notstandshilfe misstraue oder an dauernd kaputt werdende Autos und Waschmaschinen glaube. Ich bin nämlich auch davon überzeugt, dass ein finanzielles Polster in Form des Notfallfonds ein gutes, emotionales Gefühl gibt, um mit Investments zu beginnen und dabei Kursschwankungen ruhig zu akzeptieren.

Zweitens, sollte Deine finanzielle Situation insofern unter Kontrolle sein, als dass Du schuldenfrei bist. Ich bin hier Purist und empfehle radikal Schulden mit der Schuldenlawine zu tilgen, bevor mit dem Vermögensaufbau begonnen wird. Diese Strategie ist nicht unumstritten, meine Festlegung ist aber, dass auch Schulden für die selbstgenutzte Immobilie so schnell wie möglich getilgt werden sollten! Auch wenn mir der Maschinist wohl jetzt vorwerfen wird, dass ich nicht rechnen kann 😉

Schritt 2: Mindestbetrag für das erste Investment

Eine sagenumwobene Frage ist, wie viel Kapital man mindestens haben muss, um erfolgreich investieren zu können. Angeblich sind ja mindestens € 1 Mio. erforderlich, um Kunde einer Privatbank zu werden, die sich mit dem Investieren so wirklich auskennt. Es mag ja sein, dass so manche Privatbank ihr Betreuungsmodell auf diese Vermögen zuschneidet. Doch gibt es in Wahrheit für jeden willigen Investor de facto gar keinen Mindestbetrag für das erste Investment! Wenn jemand von einem Mindestbetrag spricht, deutet das wohl eher auf ein entsprechend teures Betreuungsmodell hin…

Gleichzeitig werden am unteren Ende, selbst beim billigsten Online-Broker gewisse Fixkosten pro Transaktion/pro Trade anfallen. Somit werden bei der Investition von Kleinbeträgen hohe, prozentuale Gebührenbelastungen anfallen. Selbst wenn beispielsweise nur €5 pro Trade an Gebühren anfallen, führt eine Transaktion über €50 dennoch zu einer Spesenbelastung von 10%. Der Vollständigkeit halber sei hier gesagt, dass die meisten Sparpläne, die mit genau solchen Kleinstbeträgen operieren, mit deutlich geringeren Spesen belegt sind.

Als weitere Einschränkung können auch die Kurse mancher Wertpapiere gesehen werden. Eine Aktie mit einem Kurs von €500 erfordert ein entsprechendes Investment. Bruchteile von Aktien sind mW nicht gängig, bei Fondsanteilen ist dies aber durchaus üblich, u.a. auch bei den oben genannten Fonds-/ETF-Sparplänen.

Mein pragmatisches Fazit ist zum Thema Mindestinvestitionssumme ist, dass außerhalb eines Sparplans zumindest €1.000,- investiert werden sollten, um hohe Spesenbelastungen zu vermeiden. Bei Sparplänen können dann auch kleinere Beträge kostengünstig und regelmäßig investiert werden, sodass sich so mancher zur Aussage hinreißen lässt, dass es sich um das Investment „für jeden Bürger“ handelt.

Schritt 3: Wertpapierdepot eröffnen

Du hast Deine Finanzen geordnet, hast ca. €1.000 beisammen und möchtest Dein erstes Investment tätigen. Dazu fehlt Dir noch ein Wertpapierdepot! Dabei hast Du die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Anbietern – einerseits die konventionellen Filialbanken mit Ihren Wertpapier-Angeboten, die regelmäßig auch mit Beratungsangeboten und einem umfassenden (=teuren) Betreuungsansatz einhergehen und andererseits die Online-Broker.

Du informierst Dich zum Thema Finanzanlage gerade auf einem Blog und führst höchstwahrscheinlich Deine Bankgeschäfte online durch – man könnte Dich somit wohl als digital-affinen Menschen bezeichnen. Es spricht also vieles dafür, dass ein Online-Broker genau richtig ist für Dich, u.a. auch weil dieser kostengünstig Deine Bedürfnisse bedienen wird..

Mir geht es hier nicht um Werbung für den ein oder anderen Online Broker, daher verweise ich auf einige hilfreiche Websites, die Dir beim Vergleich und der Auswahl helfen:

Zumindest in Österreich ist es zudem wichtig, dass der Online-Broker sich um sämtliche Steuerangelegenheiten kümmert, also KESt. abführt, historische Anschaffungswerte mitführt, etc. Dies sollte unbedingt geprüft werden und stellt sicher, dass kein zusätzlicher Steuerberater beauftragt werden muss.

Ich persönliche habe, wie in einem anderen Artikel schon beschrieben, meine Hauptbankverbindung bei der Easybank. Da dort allerdings Depotgebühren anfallen, überlege ich derzeit einen Wechsel zu Flatex, wo keine Depotgebühren anfallen und ich daher Kosten sparen könnte.

Schritt 4: Wertpapier aussuchen

Wenn nun auch das Depot eröffnet ist, steht dem Wertpapierkauf nun wirklich nichts mehr im Weg. Aber welches Wertpapier? Hierzu könnte ich jetzt lange philosophische Abhandlungen über Einzelaktien vs. ETFs bzw. Analysen aus dem Leistungskurs Finance schreiben. Wenn ich das aber jetzt ganz bewusst nicht mache, sondern annehme, dass Du als Neo-Investor noch gar keine Festlegung und v.a. keine Stock-Picking-Erfahrung hast, ist meine Empfehlung simpel: Kauf ein breit gestreuter ETF!

Vor ca. zwei Jahren hatte ich zu diesem Thema schon einen Artikel geschrieben – „Die Qual der Wahl – 7 Tipps zur Auswahl von ETFs“. Dort empfahl ich die Vergleichsplattform justETF.com zu nutzen. Damals wie heute komme zum Schluss, dass als breit gestreuter, weltweit investierender ETF, nämlich der iShares Core MSCI World UCITS ETF (ISIN IE00B4L5Y983) die wohl beste Lösung ist.

Schritt 5: Wertpapier kaufen

Nun fällt der tatsächliche Startschuss – die Durchführung des ersten Wertpapierkaufs! Die Durchführung der Transaktion über die Online-Maske des Brokers ist wohl nicht wesentlich komplexer als die Durchführung einer SEPA Überweisung. Dennoch kann ich Neo-Investoren ein paar Hinweise mitgeben zu wichtigen Parametern der Transaktion geben:

  • Börseplatz – Hier empfehle ich einen Börseplatz mit hoher Liquidität auszuwählen, sodass häufig Kurse gestellt werden und es somit rasch zu einer Durchführung des Trades kommt. Auch stellt dies sicher, dass es zu keinen großen Ausschlägen zwischen den Kursbildungen kommt, da sich steht willige Käufer und Verkäufer an dieser Börse treffen. Für den o.g. ETF ist an einer Reihe von Börsen handelbar, dem Deutschen Investor würde ich – auch angesichts niedriger Gebühren beim jeweiligen Broker, die Deutsche Börse über das XETRA System nahe legen.
  • Menge mal Preis – aus dem aktuellen Kurs bzw. Limit (dazu sogleich) und dem gewünschten Kaufvolumen kann man sich einfach die gewünschte Stückzahl an ETFs errechnen. Entsprechend wir die Order für den Kauf dieser Anzahl an ETF-Anteilen platziert.
  • Ordertyp – Zur Auswahl stehen jedenfalls der Kauf mit Limit oder der Kauf bestens. Ich rate zum Kauf mit Limit, dass es nicht in Folge von Illiquidität zu einem Kauf zu einem deutlich überhöhten Kurs kommt. Ich setze das Limit immer einige Cent über dem aktuellen Marktkurs. Da es sog. best execution Regel (=Verpflichtung zum attraktivsten Kurs für den Kunden zu kaufen) für den Broker gibt, besteht andererseits auch nicht Gefahr, dass genau zum Limit und somit über dem Marktkurs gekauft wird. Es gibt auch noch weitere Ordertypen, wie z.B. Stop Market/Stop Buy, die aber für den Einsteiger nicht so relevant sind.
  • Gültigkeit – Hier kann eine Gültigkeitsdauer eingegeben werden, wie lange die Order aufrecht sein soll. Ich persönlich möchte, dass meine Order sofort durchgeführt wird und befriste die Gültigkeit immer auf denselben Handelstag, doch ist das ein wenig Geschmacksfrage.

Mit diesen Informationen gerüstet, steht dem ambitionierten Neo-Investor nichts mehr im Weg, die erste Order durch ein paar Clicks und Eingabe einer TAN im Online-System aufzugeben. Die Durchführung erfolgt meist sehr schnell – meist innerhalb weniger Minuten – und schlägt sich mit der entsprechenden Einbuchung der ETF Anteile am Depot bzw. der Abbuchung des Geldbetrages am Verrechnungskonto nieder.

Schritt 6: Gehhilfe bei Seite legen und weiter investieren!

Der letzte Schritt ist genau genommen kein vollwertiger, neuer Schritt beim ersten Investment. Wenn dieses nämlich vollbracht ist, kann die in diesem Artikel zur Verfügung gestellte Gehhilfe getrost bei Seite gelegt werden. Letztlich scheinen mir die erforderlichen Aktivitäten gar nicht so kompliziert, als dass künftig weiter investiert werden kann.

Ich hoffe mit diesem Artikel die Eintrittsschwelle für das erste Investment gesenkt zu haben. Wenn auch nur ein einziger Neo-Investor gewonnen wurde, dann war es die Mühe des Artikelschreibens schon wert – dieser Investor möge ich sich aber bitte mit einem Kommentar verewigen 😉

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