Spätestens seit der gemeinsam von Der Finanzfisch und Meine Finanzielle Freiheit  ins Leben gerufenen Serie zu passiven Einkommensquellen, ist offensichtlich, dass ich das Thema passive Einkommensquellen sehr spannend finde. Nachdem ich jüngst eine erste Einführung ins p2p Lending veröffentlicht hatte, möchte ich heute p2p Lending als passive Einkommensquelle beleuchten.

Ganz klar handelt es sich bei der Investition in p2p Kredite um eine zinsbasierte passive Einkommensquelle. Vom Grundprinzip unterscheidet sich die Investition über eine p2p Lending Plattform nicht von einem Privatdarlehen. Nach der bereits an anderer Stelle propagierten Definition wird das Einkommen entlang der Logik Einkommen = eingesetztes Kapital x Zinssatz erzielt. Damit weist ein Investment in p2p Kredite auch die typischen zwei Stärken von passiven Einkommensquellen auf, nämlich a) Unabhängigkeit von der Arbeitsleistung und b) Skalierbarkeit.

Die erzielbaren Brutto-Zinssätze sind zum Teil atemberaubend. So werben Plattformen mit Zinssätzen von 10% p.a., ja zum Teil jenseits der 20% (z.B. Bondora). Richtigerweise handelt es sich um Brutto-Zinssätze, also vor Berücksichtigung der Risikokosten, die für Ausfälle berücksichtigt werden müssen. Nichts desto trotz, weist z.B. Bondora eine Rendite von mehr als 10% p.a. für mehr als 90% der Investoren aus. Unglaublich, oder?

Da mir ein derartiges Entkoppeln von Risiko und zu erwartender Rendite doch suspekt vorkommt – bekanntlich war ja sogar Rübezahl schon das Verhältnis von Risiko und Ertrag bekannt 😉 – will diese herausragende Rendite doch einmal hinterfragt werden. Gibt es vielleicht doch ein paar Häckchen oder gar Haken? Vergütet diese Redite doch auch das Eingehen sehr hohe Risiken?

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In der Tat lassen sich ein paar Risikofaktoren – manche versteckt, manche sehr gut sichtbar – festmachen, die eine sehr hohe Brutto-Rendite rechtfertigen, ja vielleicht sogar erforderlich machen, um die Risiken adäquat zu bepreisen:

  • Ausfallrisiko – das ist der offensichtliche Haken an der marktschreierischen zweistelligen Rendite. Es handelt sich nämlich um die Brutto-Rendite vor Berücksichtigung der Risikokosten. Je nach Bonität der Schuldner ist mit Ausfällen zu rechnen, die die Performance des Kreditportfolios beeinträchtigen werden
  • Adverse selection der Kreditnehmer – eine sehr tückische Beobachtung, die aber in der Tat zutreffend sein kann. Kreditnehmer, die keinen (sinnvoll bepreisten) Zugang zu konventionellen Kreditquellen haben, werden auf p2p Lending Plattformen zurückgreifen. So werden überwiegend besonders schlechte Kreditnehmer angesprochen und es kommt zur Auswahl jener Kreditnehmer, die man nicht notwendigerweise haben möchte
  • Fehlender Track Record und mangelnde Underwriting-Standards – die p2p Plattformen sind im Zug der digitalen Revolution und des FinTech Booms der letzten Jahre entstanden. Insbesondere die Risikomodelle konnten sich noch nicht über einen gesamten Wirtschaftszyklus hindurch bewähren. Zudem greifen manche p2p Plattformen auf dritte Originatoren zurück, deren Underwriting-Standards u.U. objektiven Qualitätsstandards nicht genügen mögen. Dadurch ist fraglich und bis zum „real live“-Test im Rahmen der nächsten Rezession ungewiss, ob die ex ante genannten Ausfallwahrscheinlichkeiten richtig eingeschätzt werden oder ggf. deutlich höher sein werden
  • Illiquidität – Wie jedes Kreditportfolio mit länger laufenden Krediten, werden Investments auch auf p2p Plattformen illiquide. Während im Intermdiär-Modell einer Bank die Fristentransformation von der Bank gesteuert wird, trägt der Investor bei direktem Investment in Kredite das Illiquiditätsrisiko. Neben der eingeschränkten Liquidität der Kredite per se wird die Kapitalbindung natürlich durch Kreditausfälle und möglicherweise langfristige Verwertungsprozesse weiter verlängert
  • Komplexität – Meine in der Zwischenzeit gesammelte Erfahrung sagt, dass die Verwaltung und Administration von Investments auf den p2p Plattformen recht komplex ist. Mein Eindruck ist, dass die User-Interfaces auch so gestaltet sind, dass sie zum Verweilen, Erkunden und Experimentieren einladen. Dieser Zeitaufwand steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zur puristischen Anforderung, dass passive Einkommensquellen in der Nutzungsphase möglichst wenig Aufwand verursachen sollten Neben der Verwaltung des Investments auf der Plattform, sind auch für die gesetzeskonforme Besteuerung deutliche Hürden zu überwinden
  • Operationelle Risiken der Plattform – ja, die p2p Plattformen mögen mit neuester Technologie arbeiten, dennoch muss auf operationelle Risiken wie Systemstabilität, Korrektheit der Abrechung, Cyber Security udgl. hingewiesen werden. Zusätzlich stellt sich natürlich die Frage, was aus Plattformen wird, die sich nicht entwickeln bzw. aus wirtschaftlichen, rechtlichen oder regulatorischen Gründen wieder eingestellt werden bzw. eingestellt werden müssen

Einige der Risiken können in der Tat mitigiert werden. Viele der p2p Plattformen bemühen sich auch redlich, die aufgezeigten Risiken zu adressieren. Und zwar:

  • Rückkaufgarantie und „skin in the game“ des Originators – Um dem Ausfallrisiko und wohl auch der Sorge der Investoren vor unzureichenden Standards der dritter Originatoren zu begegnen, bieten einige Plattformen Rückkaufgarantien für den Verzugsfall (>60 Tage überfällig) an. Zudem verpflichten sich Originatoren häufig einen Teil des Kredits (meist 5-10%) auf dem eigenen Buch zu halten und so ein ureigenes Interesse an der Rückzahlung des Kredits hat. Beide Maßnahmen sind eine taugliche Maßnahme, um dem Ausfallrisiko sowie Bedenken gegenüber der Qualität der Origination zu begegnen. Allein, nur die Ausfallgarantie hilft dem Investor wirklich, wenn der Kredit ausfällt. Und auch diese Garantie ist nur so mächtig, wie die Bonität des Kreditgebers. Sollte es zu umfangreichen Ausfällen kommen, könnten auch Originatoren bzw. Plattformen rasch überfordert sein.
  • Portfolio-Ansatz – Diversifikation ist, wie so oft in finanziellen Belangen, eine häufig genannte Strategie, um Risiken zu mitigieren. In der Tat hilft Diversifikation das Risiko einzelnen Krediten im Verhältnis zum Gesamt-Portfolio abzufedern. Im Hinblick auf das individuelle Portfolio ist also größtmögliche Diversifikation und Granularität über Länder, Kreditarten, Bonitäten, etc. insofern wünschenswert, als das Ausfallrisiko des einzelnen Kredits nicht so stark ins Gewicht fällt. Dies kann aber nicht darüber hinweghelfen, dass durch Diversifikation das Risikoprofil des Gesamtportfolios nicht behoben werden kann. Z.B. eine Fehleinschätzung der Ausfallwahrscheinlichkeiten des gesamten Portfolios ex ante oder mangelhafte Underwriting-Standards oder Dokumentation bleiben als Portfolio-Risiken bestehen.
  • Transparenz zu Ausfallwahrscheinlichkeiten – Neben unbrauchbaren Statements wie „seit Bestand der Plattform ist noch kein Kredit ausgefallen“ sind einige Plattformen, z.B. Mintos sehr transparent was tatsächliche Ausfälle bzw. Ausfallwahrscheinlichkeiten betrifft. Transparenz hilft definitiv, um Klarheit über den zu Grunde liegenden Risikogehalt der Kredite zu schaffen. Allerdings wird auch hier einige Zeit zur Bewährung der Plattformen im Konjunkturzyklus erforderlich sein; dennoch werden viele Nutzer der p2p Plattformen nicht das nötige finanzmathematische Know-How haben bzw. die erforderliche Modellierungen vornehmen wollen, um Risiken vollständig zu bepreisen.
  • Sekundärmarkt – Dem Problem der Illiquidität insb. langlaufender Kredite begegnen die meisten p2p Plattformen durch einen Sekundärmarkt. Den Investoren wird so ermöglicht die Kredite in Ihrem Bestand zu einem Auf- oder Abschlag oder at par zu verkaufen. Investoren, die ihre Investments vor Tilgung verkaufen wollen, können das über den Sekundärmarkt tun. Soweit, so gut – zumindest in der Theorie. Meine persönliche Erfahrung z.B. auf Viventor ist, dass auch nur Verkaufsorder at par (bei Verlust etwaiger Zwischenzinsen) oder gar mit Abschlag zügig durchgeführt werden. Im Ergebnis müssen verkaufswillige Investoren also Verluste hinnehmen, um Ihre Kredite liquidieren zu können. Bei umfangreichen Verkaufswünschen, z.B. weil sich zeigt, dass eine p2p Plattform nicht nachhaltig Bestand haben wird, kann ein Sekundärmarkt in dem keine Käufer auftreten auch nicht erfolgreich bestehen.

Die umfangreichen Maßnahmen zur Risikomitigation zeigen bereits, dass die Plattformen die Risiken des p2p Lending-Modells sehr ernst nehmen. Die ergriffenen Maßnahmen sind – wie die obige Analyse zeigt – zwar geeignet, den Risiken zu begegnen, können diese aber meist nicht vollständig aus der Welt schaffen. Daher muss jedenfalls die Brutto-Rendite um alle genannten Risikofaktoren bereinigt werden, um ein realistisches Bild der Performance zu gewährleisten.

Diese Risikobeurteilung ex ante und jedenfalls dann die im Lauf der Zeit (insbesondre die über einen Konjunkturzyklus hinweg) gesammelten Erfahrungen werden das finale Urteil über p2p Lending als passive Einkommensquelle aussprechen. Während das p2p Lending-Modell ganz klar einen zinsbasierten Geldstrom erzeugt, wird sich zeigen, ob Risiken im derzeit gehypten FinTech Markt auch richtig bepreist wird. Davon wird abhängen, ob sich p2p Lending als brauchbare, nachhaltige passive Einkommensquelle etablieren kann.

Wie gewohnt, freue ich mich über Kommentare! Welche Erfahrungen habt ihr mit der passiven Einkommensquelle p2p Lending gemacht? Läuft alles nach Plan oder hat sich so manches der genannten Risiken schon materialisiert?

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9 Gedanken zu “Taugt p2p Lending als passive Einkommensquelle?

  1. Moin!
    Nach wie vor bin ich überzeugter P2Pler. Auch wenn ich soeben meine Erfahrungen nach einem Jahr bei dem P2P-Kreditmarktplatz Lendico veröffentlicht habe und diese nicht so positiv ausfallen.
    https://www.freakyfinance.net/2017/03/23/lendico-erfahrungsbericht/

    Die gängigen ausländischen Plattformen halte ich für geeigneter. Ein gewisses Risiko ist bei dieser Anlageklasse nicht wegzudiskutieren und ob das ganze P2P-Ding langfristig funktioniert wird die Zeit zeigen…

    Beste Grüße
    Vincent

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    1. Hallo Vincent,
      Vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Deine Erfahrungen mit Lendico teile ich – wenn auch für Lendico.at – wenngleich sie noch ein wenig negativer ausgefallen sind. Ich frage mich daher, wie die Lendico-Geschichte sich weiter entwickeln wird.
      Zudem: Stay tuned, ich arbeite gerade an einem Vergleich mehrerer p2p Plattformen.
      Viele Grüße und bis bald 😉
      FF

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  2. Bin definitiv der Meinung, das P2P Kredite zum passiven Einkommen dazu beitragen. Dafür ist die Redite und vor allem die kurze Laufzeit der Kredite einfach „zu perfekt“.

    Das Risiko muss natürlich jeder mit sich selbst ausmachen.

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