Ein jüngst erschienener Artikel von Gerd Kommer erweckt den Eindruck, dass das Streben nach finanzieller Freiheit völliger Schwachsinn ist. Pointiert wird im zitierten Artikel angeführt, dass eine sich epidemisch ausbreitende Vielzahl von Publikationen und Blogs zum Thema nur da sei, den Autoren eine passive Einkommensquelle zu schaffen – ein kühner Vorwurf. Wenn ich meinen Blog schon „Meine finanzielle Freiheit“ nenne, sehe ich mich fast gezwungen auf diese Gedanken einzugehen. Im heutigen Artikel möchte ich daher die von Gerd Kommer aufgebrachten Argumente faktenbasiert betrachten und würdigen.

Gerd Kommer macht es mir einfach, auf seine Argumente einzugehen, da er eine Reihe von Thesen aufstellt. Diese Thesen werde ich im heutigen Artikel eine nach der anderen durchgehen, bevor ich eine abschließende Einwertung vornehme.

These #1 – Um nennenswertes passives Einkommen zu erzeugen, muss man schon vorher reich sein

Diese These ist wohl maximal zur Hälfte akkurat, ist doch zwischen zinsbasierten und systembasierten passiven Einkommensquellen zu unterscheiden. Und, wie sich gleich zeigen wird, ist sie auch für die denkbare Hälfte der zinsbasierten passiven Einkommensquellen nicht zutreffend.

Richtig ist, dass zinsbasierte passive Einkommensquellen auf ein bestehendes Finanzvermögen wirken, also etwas Zinsen von Anleihen, Dividenden von Aktien oder Mieterlöse von Immobilien erwirtschaftet werden. Dieses Finanzvermögen will erspart bzw. aufgebaut werden und kommt sicher nicht von alleine. Das wurde wohl auch nie behauptet, vielmehr hatte ich schon in einem vorherigen Artikel klar und deutlich ausgeführt, dass zinsbasierte passive Einkommensquellen nicht aus dem Nichts geschaffen werden können bzw. vom Himmel fallen.

Gleichzeitig ist es aber nicht gesagt, dass man reich sein müsse, um solch eine zinsbasierte, passive Einkommensquelle ans Laufen zu bringen. Vielmehr beginnt auch schon mit kleinen Beträgen die Wirkung der passiven Einkommensquelle real zu werden. Einige der von Gerd Kommer despektierlich betrachteten Blogs beschreiben schön, wie die Wirkung von Dividenden auch schon bei einem kleinen Depot beginnt, z.B. Finanzen mit Plan

Systembasierte passive Einkommensquellen können hingegen sogar von einer theoretisch vermögenslosen Person geschaffen werden. Dass dies viel Zeit, Mühe, Kreativität und Konsequenz erfordert, wird niemand bestreiten. Gern greife ich zwei Beispiel zur Illustration heraus:

  • Das Schreiben eines Bestsellers ist eine mühsame Aufgabe und wird auch nicht jedem gelingen, so sehr er sich auch bemüht. Wenn es allerdings gelingt, dann ist mit einer schön sprudelnden Quelle an Tantiemen zu rechnen.
  • Das Verfassen eines qualitativ hochwertigen Blogs wird lange, konsequente Arbeit bedeuten und sicher keinen unmittelbaren Reichtum nach sich ziehen. Dass über Monate, ja Jahre hinweg Content geschaffen werden muss, steht sicher in keinem Verhältnis zu den erzielten Einnahmen. Dass Blogger dennoch Freude am Schreiben haben und ihren Lesern etwas mitgeben wollen, ist doch ein schöner und gemeinnütziger Gedanken. Die letzten drei Sätze möchte ich durchaus auch auf mich selbst bezogen wissen 😉

These #2 – Wer nicht schon reich ist, es aber werden will, wird das mit größter Wahrscheinlichkeit nicht erreichen, indem er an den Kapitalmärkten spekuliert – er muss stattdessen ein Unternehmen gründen

Wohl eine durchaus polemische Aussage, lieber Herr Kommer. Was ist denn mit Spekulieren an den Kapitalmärkten gemeint? Wir groß soll die genannte größte Wahrscheinlichkeit denn sein?

Wer regelmäßig, konsequent und langfristig an den Kapitalmärkten investiert, wird natürlich auch davon profitieren. Warum denn auch nicht? Nehmen wir das Investment in Aktien, egal über welches Vehikel (Direktinvestment, konventioneller Aktienfonds, ETF) als Beispiel. Der Investor profitiert von der Produktivität des Unternehmen und der erzielten Rendite auf das eingebrachte Eigenkapital. Der erzielte Gewinn kommt durch Wertsteigerung der Aktie bei Thessaurierung bzw. durch Ausschüttung als Dividende dem Aktionär zu gute. Natürlich hat der Investor auch Veränderungen in der Bewertung des Eigenkapitals an den Kapitalmärkten zu verkraften, in die positive, wie in die negative Richtung.

Die von Gerd Kommer zitierte Alternative der Unternehmensgründung kann natürlich einer der Wege zu ansehnlichem Wohlstand sein, doch kann sie auch ins Desaster führen. Denn die Gründung eines Unternehmens ist sicher nicht jedermanns Sache. Dieses Unterfangen ist mit dem Eingehen eines gewissen, unternehmerischen Risikos verbunden, das nicht von jedem genommen werden will. Vielleicht will der ein oder andere sogar nur Teilzeitunternehmer werden – einige Anregungen dazu, findet ihr in folgendem Artikel.

Unternehmensgründung ist zudem nicht gleich Unternehmensgründung: Ggf. versteckt sich hinter der Unternehmensgründung einfach auch nur aktive Tätigkeit in einer anderen Rechtsform. Wer z.B. selbständiger Friseur ist, tauscht noch immer Zeit und Dienstleistung gegen Geld – Skalierbarkeit und die Möglichkeit aus dem Unternehmen weitergehenden Vorteil zu ziehen fällt aus.

These #3 – Eine Existenzgründung ist einerseits mühsam und andererseits risikoreich. In vielen Branchen erfordert sie zudem beträchtliches Startkapital. Mit viel Glück und harter Arbeit folgt auf die Gründung für eine kleine Minderheit nach vielen Jahren etwas, das man wohlwollend “finanzielle Freiheit” nennen kann aber nicht muss.

Richtig, Herr Kommer! Wie bereits bei der Analyse Ihrer vorherigen These bereits ausgeführt, stimme ich Ihnen hier gerne zu. Allerdings versperrt diese These nur die Argumentation, die Sie selbst aufgestellt hatten, schade!

Gleichzeitig weiß ich nicht, warum i) Glück, ii) harte Arbeit, iii) Zugänglichkeit nur für eine Minderheit, iv) die Dauer von vielen Jahren und v) eine wohlwollende Benennung des erreichten Vermögensstatus als Qualifikation der unternehmerischen Tätigkeit genannt werden. Es wirkt ein wenig pauschalisierend, all diese Punkte von einem erfolgreichen zu fordern – es soll ja nicht der Eindruck entstehen, dass regelmäßiges Lotto-Spielen sinnvoller ist, als Unternehmer zu sein, oder… 😉

These #4 – Wer mit seiner derzeitigen Arbeit unzufrieden ist und/oder sich gestresst fühlt, jedoch nicht schon reich ist und nicht den schweren Weg der Existenzgründung gehen will, sollte sich – ganz banal und oldfashioned – einen anderen Job suchen oder graduell weniger arbeiten, z. B. über eine Teilzeitbeschäftigung oder indem er jedes Jahr einen Monat unbezahlten Urlaub nimmt.

Hier werden aus meiner Sicht ein paar Punkte durcheinander gebracht. Es obliegt mir hier also auf die Inkonsistenzen in der Argumentation einzugehen.

Natürlich sollte sich jemand, der mit seinem derzeitigen Job unzufrieden ist, einen neuen, spannenderen suchen, wenn er kann. Dies sollte allerdings unabhängig davon passieren, ob man finanzielle Freiheit anstrebt oder nicht. Denn Erfolg in und Zufriedenheit mit der unselbständigen Tätigkeit wird sich nur einstellen, wenn diese Tätigkeit mit der entsprechenden Freude und Passion betrieben wird. Nicht umsonst wird der frustrierte Angestellte im Hamsterrad dieses auch weiter betätigen ohne dabei voran zu kommen.

Es soll aber auch vorkommen, dass jemand keinen anderen Job findet, selbst wenn er ihn sich noch so sehr wünscht und er noch so gründlich sucht. Ich weiß nicht, ob Herr Kommer hier auch einen Rat hat…dieser Rat wäre sicher teuer!

Die Alternative graduell weniger zu arbeiten, stellt sich allerdings nicht, wenn man Gerd Kommers Argumentation folgt. Da der Aufbau passiver Einkommensquellen verniedlicht bzw. abgelehnt wird, würde dieses Vorgehen zwingend die Reduktion von Lebensqualität (siehe gleich auch noch These #5) bedeuten. Das würde ich meinen Lesern nicht zumuten wollen.

Wenn man allerdings den zuvor gemachten Aussagen zu passiven Einkommensquellen folgt, kann sich daraus ein rundes Bild ergeben. Vielleicht wurde ja bereits genug angespart und durch langfristige Investition an den Kapitalmärkten erzielt, um den Entfall an aktivem Einkommen zu kompensieren. Doch auch für diesen Fall würde ich dringend empfehlen, dass die aktive Tätigkeit ist verringerter Kapazität Freude bereitet und mit entsprechendem Elan betrieben wird. Sonst würde wohl auch hier gelten, dass dringend eine neue Tätigkeit gesucht werden muss, wenn dies möglich ist.

These #5 – Wer sich über die Route Sparsamkeit “finanziell frei” machen möchte, muss akzeptieren, dass damit eine substanzielle Schrumpfung seines Lebensstandards verknüpft ist – sofort und in der Zukunft. Ein ungeplanter Nebeneffekt könnte die Verkleinerung des Freundes- und Bekanntenkreises sein.

Ich würde hier einmal außer Acht lassen, dass Herr Kommer gerade selbst die Reduktion des Lebensstandards in These #4 empfohlen hat. Vielmehr möchte ich einen wesentlich positiveren Ansatz an das Thema sparen wählen und diesbezüglich zwei Aspekte beleuchten.

Erstens, muss Sparen nicht mit einer Reduktion des Lebensstandards einhergehen. Wenn Lebensstandard ausschließlich an der Höhe der Ausgaben festgemacht wird, wäre schon einmal eine gefährliche Gleichung aufgespannt. Es können ja umfangreiche Einsparungen erzielt werden, ohne den Lebensstandard zu reduzieren – ein paar Anregungen finden sich in meinem Artikel Wie man mit dem Sparen anfängt. Wer dem Link nicht folgen möchte, hat wohl auch noch nie den Stromanbieter gewechselt…

Zweitens, kann gerade bei Beginn in frühen Lebensjahren z.B. Bei Berufseinstieg durch einen recht einfachen Trick Lifestyle-Inflation vermieden werden. Meine Empfehlung ist daher – wie schon in meinem Artikel zum Automatisierten Sparen beschrieben – jeden Zuverdienst mit 50% zu besparen. So wird jede Gehaltserhöhung nur zur Hälfte in Ausgaben umgesetzt, während die andere Hälfte der Sparquote zu gute kommt. So wird es gar nicht erst gefühlt, dass quasi automatisch ein stattlicher monatlicher Sparbetrag zusammenkommt. Das sparen wurde automatisiert.

Vielleicht nimmt sich Gerd Kommer hier aber auch den radikalen Frugalismus als Feindbild. Sicher ist dieser selbst gewählte Lebensstil nicht mein Ideal, doch lese ich immer wieder recht positiv davon. Es scheint, als wären die Frugalisten durchaus zufrieden mit ihrer Wahl, so interpretiere ich beispielsweise die Beiträge von Oliver, der unter www.frugalisten.de schreibt. Ich bezweifle, dass die Drohung des Verlusts von Freunden bzw. Bekannten tatsächlich so bedrohlich ist, kann ich doch weitere Anhaltspunkte dafür nicht erkennen.

Fazit und abschließende Einwertung

Ich bin dankbar für die Gelegenheit einige meiner Gedanken zum Thema finanzielle Freiheit an Hand der Thesen von Gerd Kommer strukturiert überprüfen zu können. Wenngleich ich einigen Aspekten durchaus beipflichtete (Unternehmertum ist nicht jedermanns Sache und durchaus risikobehaftet), habe ich mich nicht dazu entscheiden den Namen meines Blog wegen Unrichtigkeit, Humbug und Chimäre zu ändern, es bleibt bei Meine Finanzielle Freiheit.

Vielmehr denke ich, dass es mehr denn je eines ernsthaften Diskurses mit dem Thema finanzielle Freiheit bedarf, nämlich auch, um wenig zielführende Lösungen zu enttarnen und sinnvolle Ansätze dagegenzustellen. Schon an anderer Stelle habe ich ausführlich dargelegt, warum es einen Mangel an Empfehlungen zum Thema persönliche Finanzen gibt, die frei von Interessenkonflikten sind. Woher Finanzbildung kommt, sollte egal sein, wenn einschlägige Blogs dazu nur einen marginalen Beitrag leisten, ist schon etwas gewonnen.

Es muss jedenfalls glasklar sein, dass der Weg zur finanziellen Freiheit langfristig anzulegen ist, es Disziplin und Stetigkeit benötigt und eine sinnvolle Kombination von Sparsamkeit und Investitionstätigkeit erforderlich ist. Nur wer sich diesen Vorstellungen anschließen kann, wird in my very humble opinion zum Erfolg gelangen! Wer sich nicht von polemischen Aussagen in so manch anderem Artikel abschrecken lässt, sondern an konkreten, praktischen und vorwärtsgerichteten Informationen interessiert ist, den lade ich ein www.meinefinanziellefreiheit.com zu folgen und meinen/seinen Weg zur finanziellen Freiheit selbst zu gestalten. Ganz frei nach dem Grundsatz: „Geht nicht, gibts nicht!“

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14 Gedanken zu “Ist finanzielle Freiheit denn völliger Humbug?

    1. Hallo Gerd,
      Ob meine Besprechung so wohlwollend war, sei dahingestellt. Ihr Artikel hat in der Blogger Community einige heftige Gegenreaktionen ausgelöst. Nun frage ich mich, ob das gar so von Ihnen beabsichtigt war? Dem Traffic auf Ihrer Website hat es sicher nicht geschadet.
      Viele Grüße
      MFF

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    2. Herr Kommer, wir sind seit 3 jahren finanziell frei (mit 32) dank Immobilien, einige Nebebeschäftigungen ausprobiert, mehrere online businesses gestartet und investieren auch in ETFs.
      Ich finde dass Sie in Ihre Argumentation (und generell oft in andere Blogartikel) einen zu großen Focus alleine auf Einkünfte aus einer einer Vollzeitstelle gesetzt wird. Dabei wird oft vergessen dass wirklich jeder mit wenig Aufwand mehr oder weniger passive Einnamequellen neben der Arbeit aufbauen können die einen in eine sehr kürze Zeit in die finanzielle Freiheit katapultieren können.
      Gerne können Sie auf unser blog nachschauen wie wir das gemacht haben.
      Ich lade Sie hiermiet auf einen Skype Gespräch ein, oder wenn Sie möchten können Sie uns gerne persönlich besuchen und bei einen Kaffee/Abendessen würden wir uns sehr auf interessante Gespräche mit Ihnen freuen. Was meinen Sie?

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      1. Hallo Mr. W,
        Ich habe Deinen Kommentar mal freigeschalten und hoffe, dass sich Herr Kommer direkt meldet 😉
        Das könnte ein spannender Austausch zwischen Euch beiden werden, beweist Du doch höchstpersönlich, dass es funktioniert, was Hr. Kommer für unmöglich, absurd, riskant,…abstempelt
        Bin gespannt, wie sich Euer Gespräch entwickelt!
        Viele Grüße
        MFF

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  1. Ich habe mal versucht den Artikel von Herrn Kommer zu analysieren. Hier meine Kurzzusammenfassung:

    1. Herr Kommer wirft ständig das KONZEPT FF, die WEGE dorthin und die FOLGEN von FF durcheinander. Dadurch geht die Argumentation oft ins Leere.
    2. Herr Kommer sieht viele Dinge kritisch. Bei manchen muss ich vehement widersprechen („Sparen = Senkung Lebensqualität“, Frugalimus geht erst bei 70% Sparquote los, „passives Einkommen = schädlich“), bei anderen stimme ich ihm zu (Risiken von Unternehmertum/Immobilienbesitz sollten beachtet werden, teilweise zu hohe Renditeversprechen, wer seinen Job nicht mag, sollte wechseln).
    3. Es scheint ganz unterschiedliche FF-Communities zu geben. Herr Kommer kritisiert in Teilen eine sehr unseriöse Community, die ich so nie bewusst wahrgenommen habe. Mir erschienen viele der Beiträge, die ich gelesen habe, sehr durchdacht.
    4. Herr Kommer verwendet eine Polemik, die in meinen Augen oft wenig zielführend ist. Ich habe nichts gegen Überspitzungen, jedoch sollten diese einem Ziel dienen.

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    1. Hallo Mr. Happy!

      Danke für Deine Einschätzung – diese ist schön pointiert und deutlich weniger wohlwollende wie meine Kommentierung ausgefallen 😉

      Besonders den Punkt der unterschiedlichen FF-Communities finde ich interessant. Denn auch ich nehme sehr ernsthafte Überlegungen wahr und habe nicht das Gefühl, dass breitflächig „get rich quick“ & Co propagiert wird. Vielleicht lese ich aber auch gezielter als Hr. Kommer…

      Viele Grüße
      MFF

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